Es ist wieder still geworden im Schloss Porcia. Kinder sitzen konzentriert vor dem Schachbrett. Jugendliche analysieren jeden Zug. Erwachsene und Senioren beobachten Figuren, Blicke und Fehler ihres Gegenspielers. Vor der Tür des Turnierraumes herrscht hingegen reges Treiben. Es wird gegessen, beraten und gelacht. Und genau darin liegt die Besonderheit dieses Wochenendes. Denn das 4. Internationale Salamanca Open in Spittal war weit mehr als ein sportlicher Wettbewerb. Es war ein beeindruckendes Zeichen dafür, wie lebendig Vereinsleben heute noch sein kann – wenn Menschen bereit sind, Zeit, Leidenschaft und Gemeinschaft zu investieren.
Mit mehr als 160 Spielerinnen und Spielern sowie über 200 Besuchern, Eltern und Betreuern wurde beim heurigen Turnier ein neuer Teilnehmerrekord erreicht. Spieler aus Italien, Slowenien, Kroatien und Russland machten das Schloss Porcia zu einem internationalen Treffpunkt des Denksports.
Doch hinter Zahlen und Ergebnissen steckt eine viel größere Geschichte.
Schach erlebt ein Comeback – auch in Kärnten
Während viele Vereine mit Nachwuchsproblemen kämpfen, erlebt der Schachsport seit einigen Jahren wieder einen deutlichen Aufschwung. Besonders bemerkenswert: Immer mehr Kinder und Jugendliche entdecken das Spiel für sich. Auch Mädchen und junge Frauen finden zunehmend Zugang zum Schachsport – eine Entwicklung, die lange nicht selbstverständlich war.
Allein in Österreich sind tausende aktive Turnierspieler registriert, dazu kommen zahlreiche Hobbyspieler in Schulen, Vereinen und Online-Plattformen. Der Österreichische Schachbund zählt rund 300 Vereine im Land und etwa 8.000 aktive Spielerinnen und Spieler, auch in Kärnten wächst die Szene kontinuierlich. Gerade regionale Vereine übernehmen dabei eine wichtige Rolle in der Nachwuchsarbeit.
Und genau hier hat sich der PC Wolf SGS – Schachverein Spittal/Drau in den vergangenen Jahren auch besonders hervorgetan. Denn der Verein setzt konsequent auf Jugendarbeit. Mit Erfolg. Kinder ab sechs Jahren trainieren im Verein gemeinsam mit Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren. Das Besondere daran: Im Schach spielen Alter, körperliche Voraussetzungen oder Herkunft kaum eine Rolle. Am Brett zählen nur Strategie und Können.
Mehr als ein Spiel
Wer Schach aber nur als stilles Strategiespiel betrachtet, unterschätzt seine Wirkung gewaltig. Schach fördert Konzentration, Geduld und analytisches Denken. „Bei uns im Jugendtraining des Vereins lernen Kinder Disziplin, logisches Denken, gewinnen und verlieren“, sagt Sektionsleiter Günter Baurecht. „Schach ist ein Kampfsport und es gibt meist nur einen Gewinner, außer eine Partie endet im Remis (Unentschieden). Die Kinder bei uns spielen sehr viel gegeneinander und fordern sich gegenseitig heraus. Schlussendlich ist die Kombination aus lernen, spielen und üben entscheidend dafür, dass jemand ein guter Spieler wird.“
Gerade in einer Zeit permanenter Ablenkung gewinnen diese Argumente an Bedeutung. Während viele Freizeitangebote immer schneller, lauter und digitaler werden, bietet Schach etwas völlig anderes: Ruhe. Fokus. Direkte Begegnung. „Schach ist ein sehr ruhiges Spiel, das meist vonseiten der Eltern forciert wird. Denn jede Minute, die die Kinder Schach spielen, kommen sie vom Handy weg. Die Kinder selbst wollen beim Schach den persönlichen Kontakt und die direkte Begegnung mit anderen Kindern am Tisch“, so Baurecht.
Dennoch ist auch die digitale Welt nicht vor den Toren des Schachspiels stehen geblieben: „Wir haben alle gedacht, dass mit der Digitalisierung das Schach im klassischen Sinne aufhört und man nur noch am Computer spielt“, erzählt Baurecht. „Aber es ist ganz im Gegenteil eine Symbiose entstanden. Denn es ist durchaus wichtig, dass die Kinder zwischendurch am Handy oder am PC gegen andere Kinder spielen und dadurch lernen und sich weiter verbessern.“
Ein Verein als Generationenprojekt
Besonders auffällig beim Salamanca Open war das Miteinander der Generationen. Kinder spielten neben erfahrenen Senioren. Jugendliche analysierten gemeinsam mit langjährigen Vereinsspielern ihre Partien. Eltern, Betreuer und Zuschauer fieberten mit.
Baurecht erklärt die Dynamik dahinter: „Wenn Generationen gegeneinander spielen, dann ist es so, dass Kinder eine gewisse Scheu vor Erwachsenen haben, aber die Erwachsenen haben meist noch mehr Scheu vor den Kindern. Denn gegen ein Kind zu verlieren ist immer noch peinlicher als umgekehrt und das macht einen gewissen Anreiz aus.“
Spittal als internationaler Schachstandort
* Die Elo-Zahl Berechnung ist das wichtigste Bewertungssystem im Schach. Sie misst die Spielstärke eines Spielers/einer Spielerin und ermöglicht es, Leistungen objektiv miteinander zu vergleichen. Je höher die Elo-Zahl, desto stärker gilt ein Spieler/eine Spielerin im statistischen Vergleich zu anderen.
Auch Bürgermeister Gerhard Köfer betont die Rolle des Turniers: „Das Salamanca Open ist eine ganz bedeutende Veranstaltung für Spittal. Die Kinder und Jugendlichen sind hier in einer Sportart unterwegs, die für viele Jugendliche nicht typisch ist. Es ist faszinierend, wie sich die Kinder und Jugendlichen konzentrieren und auf den Gegner einstellen können. Das ist eine hervorragende Sache, die ich in dieser Form noch nicht gesehen habe. Ich bin jetzt ein Fan vom Schachsport“, sagt Köfer, der die ersten Spiele gespannt verfolgte.
Nachwuchsarbeit als Fundament
Der Samstag stand ganz im Zeichen der Jugend. Mehr als 60 Kinder und Jugendliche kämpften bei der 4. Runde des Kärntner Sparkasse Jugendcups und den Kärntner Schnellschachmeisterschaften um jeden Punkt. Wer die Partien beobachtete, erkannte schnell: Hier geht es nicht nur um Siege. Hier entstehen Selbstvertrauen, Disziplin und Gemeinschaft.
„Für die Jugend in Spittal sind solche Veranstaltungen sehr wichtig“, sagt der Obmann des Spittaler Sport- und Jugendauschusses Marco Brandner und erzählte: „Ich war von Anfang an dabei, als Sektionsleiter Günter Baurecht die Idee hatte, das Salamanca Open für Kinder und Erwachsene ins Leben zu rufen. Jetzt nach vier Jahren erfüllt es mich mit großem Stolz, was daraus geworden ist. Eine großartige Veranstaltung, die aus Spittal nicht mehr wegzudenken ist.“ Selbst ist Brandner seit Kindesbeinen begeisterter Sportler und versucht in seiner Tätigkeit diese Begeisterung an die Kinder, Jugendlichen und an die Vereine weiterzugeben: „Mein Zugang als Obmann des Sport- und Jugendausschusses ist es, den Kontakt zu den Vereinen zu halten, sie zu servicieren und bei Problemen zu unterstützen, so gut ich kann. Denn die Vereine sind wichtige Säulen unserer Gesellschaft.“
Der Spittaler Schachverein hat seine Jugendarbeit in den letzten Jahren enorm verstärkt. „Wir bemühen uns sehr, konnten einige Jugendtrainer für unseren Verein gewinnen und arbeiten auch mit den Spittaler Schulen stark zusammen. Dadurch konnten wir innerhalb von vier Jahren 25 Kinder als Vereinsmitglieder gewinnen und es geht weiter. Denn die Kinder bekommen bei uns die bestmögliche Unterstützung für ihr Schachspiel“, so Baurecht.
Ein Verein mit klarer Haltung
Besonders bemerkenswert ist der Weg, den der Verein bewusst eingeschlagen hat. Der PC Wolf SGS – Schachverein Spittal/Drau setzt ausschließlich auf heimische Spieler und verzichtet auf Legionäre. Gleichzeitig treten mehrere Mannschaften erfolgreich im Meisterschaftsbetrieb an. In Zeiten, in denen viele Vereine kurzfristigen Erfolg suchen, setzt man hier auf nachhaltige Entwicklung.
Der Obmann der SGS Sportgemeinschaft Johann Kuhn berichtet, dass die Sektion Schach bereits etwa im Jahr 1924 in der SGS gegründet wurde, und dass er selbst begeisterter Spieler war: „Ich liebe diese Sportart, denn beim Schach kann man nicht verlieren. Man verliert vielleicht die Partie, aber man gewinnt an Erfahrung“, so Kuhn.
Fünf Meistertitel – und noch viel mehr
Auch sportlich verlief das Wochenende außergewöhnlich erfolgreich. Mit fünf Kärntner Meistertiteln an beiden Turniertagen feierte der Verein einen historischen Erfolg. Lada und Marta Pitzkhelauri (Mädchen U10 und U14), Benjamin Eder (U16), Roman Baurecht (U18) und Herbert Neubauer als Gesamtsieger der Senioren sorgten für starke Leistungen und große Emotionen. Ein großes Erlebnis und ein starker Erfolg für die einzelnen Spielerinnen und Spieler und gleichzeitig ein Beleg dafür, wie sich intensive und aufmerksame Nachwuchsarbeit in Vereinen auszahlt.
Doch der Erfolg des Turniers und des Vereins kann nicht nur in Siegen gemessen werden. Wenn man seinen Blick schärft, dann zeigt sich das Gelingen noch in vielen anderen Details: In Kindern, die konzentriert vor dem Brett sitzen. In Jugendlichen, die Verantwortung übernehmen. In Erwachsenen, die Zeit investieren. Und in einem Verein, der Gemeinschaft lebt.
Mit dem Salamanca Open hat der Spittaler Verein eindrucksvoll gezeigt, welche Bedeutung Vereine heute mehr denn je haben können. Nicht nur als Sportanbieter, sondern als soziale Räume. Gerade in kleineren Regionen übernehmen Vereine Aufgaben, die weit über den eigentlichen Sport hinausgehen: Sie verbinden Generationen, schaffen Gemeinschaft und geben jungen Menschen Orientierung. Auch der Schachverein Spittal macht genau das – Zug für Zug.