Andere Teenager schwärmen. Viola analysiert.
2.2.1988: Walter bedeutet mir viel. Er ist so natürlich. So furchtbar normal und auf diese Weise einfach traumhaft. Er erfüllt alle Vorstellungen, die ich von einem zukünftigen Partner erwarte: Ruhig, optimistisch, strebsam, modern, freundlich und das Schöne liebend. Er muß gerne Reisen unternehmen, sportlich sein und treu. Deshalb unterscheidet sich mein Verhältnis zu Paul und das zu Walter auch so sehr. Bei Paul war ich so blind verliebt, weil ich nicht realistisch blieb. Bei Walter ist das anders. Keine Schwärmerei. Nur nüchternes und unvoreingenommenes Kennenlernen, das später wahrscheinlich zu einer festeren Bindung führt.
Sechzehn Jahre alt – und sie klingt wie jemand, der eine Bewerbung schreibt. Nicht weil Viola keine Gefühle hätte. Sondern weil sie gelernt hat, dass Gefühle allein nicht reichen. Bei den Zeugen Jehovas gibt es keine losen Beziehungen, kein unverbindliches Kennenlernen, kein Ausprobieren. Wer sich einem Menschen nähert, denkt dabei bereits an die Ehe. Das ist kein Klischee – es ist Programm. Und Viola hat es so tief verinnerlicht, dass sie mit sechzehn bereits einen Kriterienkatalog für den zukünftigen Partner führt.
Dann folgt ein Satz, der aufhorchen lässt:
Ich möchte mich einer Prüfung unterziehen.
Nicht Walter soll geprüft werden. Sie. Viola möchte Walter die Gelegenheit geben, zu beurteilen, ob sie das Richtige für ihn ist. Ob sie besteht. In einer Gemeinschaft, in der Männer die Autorität tragen und Frauen sich fügen, ist das keine ungewöhnliche Haltung. Es ist eine eingeübte. Und Viola merkt es nicht einmal mehr.
Ich möchte den Dingen seinen Lauf lassen und keinen voreiligen Fehler begehen, der mein restliches Leben verändern könnte. Ich bin davon überzeugt, daß Walter mein Leben verändert hat.
Er hat ihr Leben verändert – und er weiß es noch nicht einmal.
8.2.1988: Einerseits habe ich Verehrer, die sehr viel von mir halten. An ihnen habe ich null Interesse. Aber ausgerechnet der, den ich nur am Wochenende sehe, gefällt mir. Ich habe so ein komisches Gefühl, als wenn sich die Ereignisse in den nächsten Wochen und Monaten überstürzen würden. Nächstes Wochenende würde ich gerne wieder Schifahren gehen. Es ist eine gute Gelegenheit, Walter völlig frei näher kennenzulernen.
„Völlig frei“ – das ist in Violas Welt ein relativer Begriff. Denn auch auf der Schipiste gibt es Grenzen, die man nicht ausspricht, weil man sie nicht aussprechen muss. Sie sitzen tiefer als jede Regel. Viola spürt sie. Und fährt trotzdem Ski.
In der nächsten Folge: Viola fühlt mehr für Walter, als sie zugeben will. Und die Gemeinschaft will sie noch fester in ihren Reihen.