9. September 2026

News Oberkärnten

Violas Wahrheit über die Wahrheit #13

Im Namen des Glaubens, Teil #13

Der verzweifelte Brief, den sie nie abgeschickt hat, liegt im Tagebuch. Das Leben geht weiter – wie immer, im gewohnten Rahmen.

Der Königreichssaal ist eröffnet. Viola ist dabei – natürlich. Immer mit denselben Leuten, über dieselben Dinge. Ihr Fazit fällt knapp aus.

Dann, ein paar Tage später, ist sie allein zu Hause. Und schreibt.

28.11.1987: Allein zu Hause. Hatte keine Zeit. Zeit zum Nachdenken. In den letzten Nächten plagten mich immer so gräßliche Träume mit Leichen, riesigen Hunden, die mich fressen wollen, einstürzenden Häusern und großen Würfeln und Kugeln, die mich erdrücken und erschlagen. Ich habe Angst. Vor dem Leben.

Angst vor dem Leben. Nicht vor dem Tod – vor dem Leben. Es ist ein Satz, der sich festsetzt. Viola ist vierzehn, und die Nächte, die sie beschreibt, klingen nicht nach Pubertät. Sie klingen nach einem Unterbewusstsein, das längst weiß, was der Verstand noch nicht aussprechen darf.

Auch die Schule wird zur Last.

14.12.1987: Zoff in der Schule. Ich habe Probleme mit einer Lehrerin. Aber es gibt niemals direkte Angriffe, gegen die man etwas unternehmen könnte. Es ist wohl besser, wenn ich das alles für mich behalte, es könnte ja doch niemand verstehen. Aber ich habe Angst vor dem, was vor mir steht. Ich brauche Hilfe. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Aber ich fühle, daß ich nicht mehr lange leben werde.

Ein Mädchen, das Hilfe braucht und sie nicht holen kann. Das schweigt, weil es gelernt hat zu schweigen. Das allein ist – mitten in einer Gemeinschaft, die sich Familie nennt und die doch keinen Raum lässt für das, was Viola gerade durchlebt. Bei den Zeugen Jehovas gibt es für seelische Not einen Weg: Gebet, Schrift, die Weisheit der Ältesten. Professionelle Hilfe von außen? Psychologen, Therapeuten – das ist eine Welt, der man misstraut. Eine Welt, die nicht zu Jehova führt.

Zwei Jahre später kehrt Viola zu diesem Eintrag zurück. In Bleistift, klein, am Rand: „So ein Schwachsinn!“

Dramaturgie einer Pubertierenden? Vielleicht. Oder das Einzige, was ihr damals blieb: sich selbst kleinzumachen, bevor es jemand anderer tut.

In der nächsten Folge: Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Paul verblasst. Und ein neuer Name taucht auf.

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