Es gibt Tagebucheinträge, die man liest und sofort weiterliest. Und es gibt solche, bei denen man innehält.
Dieser hier ist einer davon.
Viola ist vierzehn. Sie schreibt ihn Ende Oktober 1987 – nach einem Schulwechsel -, in einem Brief, den sie nie abschickt. Er ist an niemanden gerichtet – und gleichzeitig an alle.
Am liebsten würde ich sterben. Ich bin so niedergeschlagen. In der Schule läuft es nicht so, wie es sein sollte. Probleme mit meinem Bruder, Probleme mit Paul. Ich liebe sie, aber ich hasse sie zugleich. Ich ertrage das nicht. Ich liebe Paul. Trotzdem mag Mutti ihn nicht. Ich weiß, daß sie recht hat. Aber ich kann es nicht verstehen. Es macht mich krank, aber niemand sieht es.
Ich bin in einer Welt, in der es nur einen Menschen gibt. Und das bin ich. Ich bin drinnen und mauere mich selbst zu. Der Berg nach draußen wird immer größer, aber ich weiß nicht, was ich tun kann. Das Wissen, daß ich mich langsam selbst zerstöre, bringt mich um. Diese grenzenlose Strebsamkeit – entweder ich bin die Beste oder niemand – ist wie Gift. Es wirkt langsam, aber tödlich. Ich hasse sie. Wer kann mich vor ihr beschützen? Niemand. Denn ich bin allein. Hinter einem viel zu hohen Berg, den ich mir selbst gebaut habe. Durch Ehrgeiz. Grenzenlosen Ehrgeiz. In dem Rennen um den Preis wurde ich nicht der Sieger. Es gibt keinen Sieger. Alle sind tot. Ich habe alle meine Freunde umgebracht. Durch meinen Haß, meine Eifersucht, wenn sie besser waren als ich. Ich hasse sie. Ich hasse mich. Helft mir!
Bitte.
Man muss das nicht kommentieren. Dieser Text braucht trotz der Jahrzehnte, die mittlerweile dazwischen liegen, Raum.
Was man sagen kann: Ein vierzehnjähriges Mädchen, das so schreibt, schreit um Hilfe. Viola scheint gefangen zu sein: Die Gemeinschaft, die vorgibt, Halt und Geborgenheit zu geben, hat ihr keinen Raum gelassen, sich zu zeigen. Zweifel sind keine Tugend. Schwäche ist kein Zeugnis, das man nach außen trägt. Und Hilfe holen – bei wem? Bei denselben Älteren, die ihr Image bereits öffentlich kommentiert haben? Bei Eltern, die selbst tief in diesem System verwurzelt sind?
Viola ist allein. Mitten in einer Gemeinschaft, die sich Familie nennt.
In der nächsten Folge: Viola weiß, dass sie Freunde braucht. Aber kann es Freundschaften außerhalb der Zeugen Jehovas geben?