Es war ein Frühlingstag in Lurnfeld, an dem die Pokale größer waren als so manche Kinder, die davor standen. Der größte maß 1,10 Meter. Die Kleinsten – vier, fünf Jahre alt – standen davor und diskutierten, wer welchen mit nachhause nehmen dürfe. Manche von ihnen hatten noch nie einen Pokal gewonnen. Noch nie überhaupt einen in der Hand gehalten.
René Petschnig stand am Rand des Platzes und schaute zu. Er ist Obmann des FC Lurnfeld, Jahrgang 1992, Vater zweier Kinder, die selbst im Verein kicken. Jenen Tag beschreibt er als den wohl prägendsten in seiner bisherigen Obmannschaft:
„Das bleibt einem ein Leben lang in Erinnerung, glaube ich.“
Was an diesem Morgen in Lurnfeld passierte, war kein großes Sportereignis, wie wir es von WM-Fernsehabenden oder Kitzbühl-Wochenenden kennen. Es war ein Blitzturnier für die jüngsten Kicker und Nachwuchstalente im Land. Aber an diesem Tag drängte sich mir immer mehr eine Frage auf: was ist es, das einen Verein zusammenhält? Ist es ein erfreulicher Tabellenplatz? Sind es gut bezahlte Sponsorenverträge? Und wer leistet schlussendlich die Arbeit dafür, dass alles am großen „Matchtag“ funktioniert?
Obmann als Lebensaufgabe
Als ich René Petschnig zum Gespräch treffe, ist er schon längst vorm vereinbarten Zeitpunkt am Fußballplatz und verstaut einige Bierfässer. Er sagt von sich selbst, dass er oft das Gefühl habe, hauptberuflich Obmann zu sein und nur „nebenher“ zu arbeiten, so viel Zeit investiert er ins Vereinsleben. Er lacht dabei – aber er weiß genau, dass er nicht übertreibt.
Vor drei Jahren übernahm er den FC Lurnfeld, damals in einer Situation, die vielen Vereinen in der Region vertraut ist: Der alte Obmann hörte auf, und es fand sich niemand, der das Amt übernehmen wollte. Petschnig selbst war sich anfangs unsicher: „Im ersten Moment war ich dagegen, weil die Frau und die Familie auch mitspielen müssen. Und dann ist die Idee gewachsen – die eine oder andere helfende Hand ist dazugekommen, dann die nächste. Ohne meinen Freund Ivan Glavic, der selbst aktiv Fußball spielt und mir von Beginn an zur Seite steht, wäre Vieles nicht möglich gewesen. So haben wir uns gemeinsam gedacht, was soll passieren? Wir probieren’s einfach mal.“
Was ihn schließlich überzeugte, war nicht Ehrgeiz. Es war das Gefühl, dass hier etwas verloren gehen könnte, das Generationen vor ihm aufgebaut hatten. „Man fragt sich halt, möchte man wirklich, dass so ein Verein von heute auf morgen aufhört? Da stecken so viele Generationen drin, so viel Zeit, so viel Schweiß.“
Drei Saisonen später hat Petschnig seinen Rhythmus gefunden – auch wenn „Rhythmus“ das falsche Wort ist für etwas, das von Montag bis Sonntag läuft. Die Woche beginnt mit dem Wocheneinkauf für die Kantine: Gebäck, Getränke, Würstchen. Dann die Spielfeldplanung, die Postenbesetzung, das Koordinieren der Helferinnen und Helfer. Am Donnerstag beginnen die ersten Spiele, am Sonntag früh ist er immer der erste auf dem Platz und kümmert sich darum, dass der Rasen spieltauglich bleibt. Er gießt ihn, kontrolliert die Markierungen, bessert Löcher aus. „Ohne mein Team wäre das alles nicht schaffbar. Ich bin eher der Repräsentant, aber es braucht viele helfende Hände, damit beispielsweise die WCs sauber sind und der Rasen gemäht ist. Ihnen bin ich unglaublich dankbar! Am Sonntag früh ist eigentlich die Zeit, wo ich meistens alleine bin, wo ich wirklich alles durchgehe, schau, ob irgendwas liegt. Und dann startet wieder der Montag.“
Fünf bis sechs Tage pro Woche, ehrenamtlich, neben Beruf und Familie. Das ist kein Ausnahmefall. Das ist das Modell, auf dem das Vereinsleben in Oberkärnten in so vielen Dörfern beruht.
René Petschnig, Obmann des FC Lurnfeld, im Gespräch mit NOK+
Was das alles kostet – und was es wert wäre
Zwischen acht und zehn Menschen hat Petschnig, auf die er sich immer verlassen kann. Dreimal so viele bräuchte er, um alles gut zu stemmen. Und wenn man ihn fragt, was das alles kosten würde, wenn man es bezahlen müsste, rechnet er ruhig vor: „Wenn ich nur von der Kantine ausgehe und die als richtigen Gastrobetrieb führen müsste – mit stundenweise zwei Kellnerinnen, einen Koch –, wäre ich im Monat allein dort zwischen 2.000 und 3.000 Euro los. Und der Platzwart ist da noch nicht dabei. Eine Person, die die Dressen wäscht, auch nicht.“
Was Petschnig beschreibt, ist kein Einzelfall – es ist das Fundament des österreichischen Vereinswesens. Laut Statistik Austria leisten rund 3,73 Millionen Menschen in Österreich ehrenamtliche Arbeit – das entspricht fast der Hälfte der Bevölkerung ab 15 Jahren. Zusammen kommen sie auf rund 22 Millionen Stunden Freiwilligenarbeit pro Woche. Der volkswirtschaftliche Wert dieser unbezahlten Tätigkeit: 10,2 Milliarden Euro pro Jahr.
Ehrenamt in Österreich – Zahlen & Fakten
110 Kinder und was sie lernen
Zwischen 110 und 120 Kinder trainieren beim FC Lurnfeld – in einer Spielgemeinschaft mit dem Nachbarverein Sachsenburg, weil es anders kaum mehr möglich wäre, alle Altersklassen zu besetzen. Von den unter Siebenjährigen bis zur Kampfmannschaft ist alles vertreten.
Der Obmann weiß auch um die besondere gesellschaftliche Verantwortung eines Vereins Bescheid. Es geht nicht nur um spielerische Leistung, sondern auch um die soziale und gesundheitliche Komponente, die das Vereinsleben für Kinder mit sich bringt: „Die Kinder sind viel zu viel am Handy, zu viel drinnen. Deswegen ist die gesundheitliche Komponente eine der wichtigsten. Wir müssen die Bewegung attraktiv machen, sie müssen von sich aus das Angebot annehmen wollen.“
Aber es geht ihm um mehr als Bewegung. Es geht um das, was auf dem Platz zwischen den Kindern passiert – und was davon übrig bleibt, wenn das Training vorbei ist. „Wir haben geniale Trainer, die sich ehrenamtlich engagieren und unseren Kindern viel mehr als Fußball beibringen. Sie lernen, wie ich mit jemandem umgehe, der vielleicht nicht von hier ist, der vielleicht eine andere Sprache redet. Ich kann mich daher bei unseren Trainern nur immer wieder für ihr Engagement bedanken! Kinder, die in einem Verein sind, treten auch außerhalb ganz anders auf. Die laufen mit der FC-Lurnfeld-Jacke in die Schule und wissen, wie sie sich benehmen müssen.“
Diese Beobachtung deckt sich mit dem, was die Forschung seit Jahren zeigt. In Österreich ist fast jedes zweite Kind im Alter zwischen zehn und 16 Jahren Mitglied in einem Sportverein. In Kärnten liegt der Anteil der Sportvereinsmitglieder an der Gesamtbevölkerung bei rund 30 % – und Experten betonen, dass im ländlichen Raum das Dazugehören zu einem Verein eine weit größere soziale Bedeutung hat als in der Stadt.
Was Petschnig beschreibt, hat einen Namen in der Sozialwissenschaft: Vereinsmitgliedschaft als Sozialisationsinstanz. Kinder lernen verlieren. Kinder lernen Teamarbeit. Kinder lernen, dass Respekt nicht verhandelt wird. Und sie lernen – vielleicht das Wichtigste – dass es einen Ort gibt, an dem sie dazugehören.
Kinder & Sport in Österreich
Eine Durchzugsstraße ohne Leben
René Petschnig, Obmann FC Lurnfeld
Dieser Satz fällt fast beiläufig, als Petschnig über den Stellenwert des Vereins für die Dorfgemeinde spricht. Und doch trifft er ins Zentrum dessen, warum ein funktionierender Verein eine Lebensader für ländliche Regionen sein kann.
Denn Oberkärnten steht vor einer Entwicklung, die still und unaufhaltsam wirkt. Laut einem Demografiecheck der Fachhochschule Kärnten wird die Einwohnerzahl des Landes bis 2050 um rund 22.460 Personen sinken – und Oberkärnten ist von diesem Rückgang besonders stark betroffen. Nur der Zentralraum rund um Klagenfurt und Villach wächst. Die Dörfer schrumpfen.
Oberkärnten im demografischen Wandel
Während meines Interviews mit René Petschnig haben wir diese Zahlen mit keinem Wort gestreift, aber immer wieder fällt das Gespräch unweigerlich auf dieses Thema: Kärnten verliert zunehmend an jungen Menschen – auch mit gravierenden Folgen für Vereine und das gesamte Ehrenamt. In vielen Vereinen seien die Obmänner schon um die 75, 80, wenn diese Generation aufhöre, würden mit ihnen auch viele Vereine aufhören: „Wenn ich viel Variation im Dorf schaffe, dann wird der Junge nicht auf die Idee kommen zu sagen: Hey, ich gehe nach Graz. Weil er beim Verein Freunde fürs Leben gefunden hat, die er nicht im Stich lassen will.“
Was zunehmend erschwerend hinzu kommt, ist, dass sich das Verständnis für Ehrenamt gedreht habe. Viele der jüngeren Generation würden sich für eine Leistung auch eine Gegenleistung erwarten: „und das ist in einem Verein einfach schwierig. Es ist wie bei der Feuerwehr oder bei der Rettung. Du kannst nicht zum Einsatz gehen und sagen, ich will dafür Geld. Das sind einfach Aufgaben. Und dafür braucht es viele Menschen. Und es wird immer schwieriger.“
Kärnten verliert nicht nur junge Menschen, sondern langsam brechen auch jene Generationen weg, denen ehrenamtliches Engagement eine Herzensangelegenheit war.
Wenn die Bürokratie nicht haltmacht
Der Verein ist ein Ganzjahresbetrieb: im Sommer auf dem Rasen, im Winter in der Halle. Die Anlage muss gewartet werden. Die Ausrüstung der Kinder muss bezahlt werden. Und die Kantine – das wirtschaftliche Herzstück jedes Dorfvereins – trägt das alles mit. Wenn die Kantine nicht läuft, schaut es am Konto nicht rosig aus.
Über der finanziellen Lage vieler Vereine in Oberkärnten hängt aktuell ein großes Damoklesschwert: Rechtliche Rahmenbedingungen legen fest, dass Vereinskantinen eine Gastrokonzession hinterlegen müssen– also offiziell als Gewerbebetrieb geführt werden. Für Petschnig ist das eine Auflage, die an der Realität vorbeigeht. „Ich kann keine Angestellte reinstellen, die fix arbeitet. Das kann ich mir nicht leisten. Wenn das wirklich flächendeckend kommt, sitzen wir in einem Jahr da und haben riesige Probleme.“
Die Bürokratie rollt unaufhörlich weiter durch unser Land und macht auch vor Vereinen nicht mehr Halt. Es ist exemplarisch für ein größeres Muster: Das System, das von ehrenamtlichem Engagement lebt, legt dem Ehrenamt immer mehr Lasten auf. Registrierkassenpflicht, buchhalterische Anforderungen, Haftungsfragen. Alles Dinge, die in einem professionellen Betrieb selbstverständlich wären, aber in einem Verein, der von zehn freiwilligen Helfern getragen wird, eine andere Qualität haben. „Jeder, der bei einem Verein tätig ist, weiß, wie hart es ist. Es kann jeder eingeladen werden, unser Konto anzuschauen. Wir leben nicht in Saus und Braus. Im Gegenteil.“
Hinweis:
Ich habe René Petschnig abschließend gefragt, was er sich wünscht – von der Politik, von der Gesellschaft, von denen, die über Budgets entscheiden. Seine Antwort ist ein ernüchternder Apell: „Mein Wunsch ist, dass man uns nicht vergisst. Dass man nicht vergisst, dass wir einen sehr großen Beitrag in der Gesellschaft leisten – nicht nur mit der Zeit, die wir investieren, sondern auch mit den Erinnerungen, die wir schaffen. Und vielleicht überlegt man, bevor man den achten Garten irgendwo in einer Großstadt anlegt, ob man nicht den Rasen beim nächsten Fußballverein pflegt.“
Ob dieser Wunsch gehört wird, ist offen. Was nicht offen ist: Ohne Menschen wie René Petschnig – und die Tausenden wie ihn in Oberkärnten – würde das Vereinsleben langsam aber sicher aussterben und mit ihm viele Dörfer zu Durchzugsstraßen verkommen.
Fotocredit: © René Petschnig & Daniela Fürstauer-Schmölzer