NOK+ traf Christine Wernitznig, die Frau hinter Österreichs erstem Agora Club, zum Interview und sprach mit ihr über das 10jährige Jubiläum, Gemeinschaft und soziales Engagement.
„500 Frauen, alle in Weiß gekleidet, voller Energie und Selbstbewusstsein, es war beeindruckend.“ Als Christine Wernitznig mir von diesem prägenden Moment in ihrem Leben erzählt, ist sie gedanklich wieder dort. „Ich war mit dem Ladies Circle in Indien unterwegs, als eine holländische Lady auf die Bühne tritt – eine Agora-Lady – und sagt: ‚We Agora Ladies are the same, just a little bit older.‘ Und ich habe mir gedacht: Mein Gott, ist die cool.“
Es ist ein Satz, der hängen bleibt. Noch mehr aber beeindruckt sie das Gefühl, das an diesem Tag in der Luft liegt. Die Kraft der Gemeinschaft, die Selbstverständlichkeit, mit der Frauen einander unterstützen und die Überzeugung, dass Engagement keine Frage des Alters ist. Das war für sie auch der Anstoß, um weiterzugehen und etwas Neues entstehen zu lassen: Den ersten Agora Club Österreichs.
Was ist der Agora Club 1 Spittal?
Der Agora Club 1 Spittal ist eine Freundschaftsorganisation für „Past Ladies“ ab 45 Jahren und interessierte Frauen ab 42 Jahren mit unterschiedlichen Berufen, Hobbys und Interessen. Wir treffen uns auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene, um Freundschaften weiterzuführen und neue zu bilden. Agora Club International ist überparteilich und überkonfessionell. Wir lieben, was wir tun – zusammen – in Freundschaft: Teilnahme an sozialen, kulturellen und internationalen Aktivitäten. Jeder Agora Club entscheidet selbst, in wie weit er am Service-Gedanken teilnehmen möchte. Die Service-Philosophie beinhaltet die Teilnahme an großen Serviceprojekten und die Bereitschaft, Menschen zu helfen, die benachteiligt sind, vor allem Frauen und Kindern.
Quelle: www.agora-club-austria1.at
Mehr als ein Verein
Wer mit Christine Wernitznig spricht, merkt schnell: Es geht ihr nie um Titel, Funktionen oder Vereinsstrukturen. Es geht um Menschen, die Gemeinschaft im Club und den Charity-Gedanken dahinter. Als ihre Zeit beim Ladies Circle altersbedingt zu Ende geht (die Statuten des Ladies Circle besagen, dass eine Lady mit 45 Jahren aus dem Club ausscheidet), reichen für sie irgendwann eine Mitgliedschaft ohne Stimmrecht und ein „Dabeisein“ nicht mehr aus. „Es hat mich nicht erfüllt, ‚nur‘ Ehrenmitglied zu sein. Ich wollte mitreden, mitgestalten und weiter etwas bewegen.“ Also beginnt sie, Frauen für den Agora Club zu begeistern – nicht proaktiv, sondern einfach mit ihrer eigenen Begeisterung für die Sache und ihrer herzlichen Art
„Wenn du nicht selbst brennst, kannst du auch niemand anderen anzünden.“
Am 3. Juni 2016 wird der erste Agora Club Österreichs schließlich gechartert. (Charter: Die offizielle Gründung eines Clubs.)
Heute, zehn Jahre später, zählt der Club noch immer 17 engagierte Frauen. Viele von ihnen verbindet längst mehr als nur ein gemeinsames Ehrenamt. „Auf meiner Indienreise sagte die damalige Präsidentin ‚Wenn Frauen wüssten, welche Kraft sie haben, dann könnten sie sie noch viel besser nutzen.‘ Und so ist es tatsächlich.“
Die Kraft der Gemeinschaft
Fragt man Christine, was den Club ausmacht, spricht sie nicht zuerst über Projekte oder Spenden. Sie spricht über Zusammenhalt, über Frauen, die füreinander da sind und über Freundschaften, die über Jahrzehnte Bestand haben.
Gleichheit, Akzeptanz, leben und leben lassen – Werte, die Christine immer hochgehalten hat. Als ich sie bat, die letzten zehn Jahre ihres Lebens mit einem Titel zu versehen, musste sie nicht lange überlegen: „Let’s walk together.“
Gemeinsam einen Weg gehen, etwas, das sie mit einigen der Damen im Agora Club schon lange vor der Gründung gemacht hat. Denn Christine war im Jahr 2002 auch Gründungsmitglied des Ladies Circle 5 Spittal, unter der damaligen Gründungspräsidentin Ulli Steiner, die heute auch Mitglied von Agora ist.
„Unser Club ist ein wunderbarer Arbeitskreis von tollen Menschen, die gemeinsam arbeiten, Lösungen finden und zusammen Ziele erreichen. Ein Team besteht aus unterschiedlichsten Persönlichkeiten, die jeder für sich unersetzlich sind. Jeder steht für den anderen ein, wobei alle Teammitglieder sich gegenseitig unterstützen“, erzählt Christine.
Die stille Kraft, die vieles möglich macht
Der Agora Club 1 Spittal hat sich, wie viele andere Serviceclubs in Spittal auch, dem karitativen Gedanken verschrieben. Hilfe wird gegeben, wo Hilfe gebraucht wird, vorwiegend in der Region. Die Spenden, die ankommen, sind meist sehr unterschiedlich. Sie reichen von Unterstützung für das Frauenhaus, über Weihnachtsgeschenke für Familien, die es gerade schwer haben, oder Hilfe für Menschen, die sonst kaum Unterstützung bekommen.
Und genau darin sieht Christine den eigentlichen Wert sozialer Clubs: „Ohne solche Vereine würde vieles fehlen.“ Dabei gehe es oft gar nicht um große Summen. Manchmal seien es wenige hundert Euro, die für einen Menschen einen entscheidenden Unterschied machen. Sie erzählt von einem Schüler, dessen Familie sich die Deutsch-Nachhilfe nicht leisten konnte. Der Club sprang ein. „Die 400 Euro haben etwas bewirkt. Der Bub hat es geschafft und dann freust du dich einfach“, so Christine.
Diese Freude ist es, die sie bis heute antreibt: „Wenn etwas gelingt und man helfen kann, dann ist das eine große Erfüllung.“
Frauen, die Verantwortung übernehmen
Zehn Jahre nach der Gründung blickt Christine auf einen Club, der gewachsen ist und zugleich seinen Kern bewahrt hat.
Mit dem Aufbau eines nationalen Boards wird Agora Österreich nun auch international stärker verankert. Für sie ist das ein bedeutender Schritt – aber nicht der wichtigste. Wichtiger ist, dass die ursprüngliche Idee weiterlebt: Frauen zusammenzubringen, Verantwortung zu übernehmen und sichtbar zu machen, was oft im Verborgenen geschieht. Denn vieles, was eine Gesellschaft zusammenhält, entsteht nicht in Sitzungszimmern oder auf politischen Bühnen. Es entsteht dort, wo Menschen bereit sind, füreinander da zu sein. Wo Frauen ihre Zeit, ihre Erfahrung und ihre Energie investieren, um anderen zu helfen.
Vielleicht fasst kein Satz Christines Lebenshaltung besser zusammen als jener, den sie vor vielen Jahren geprägt hat: „Hilfe und Service haben kein Ablaufdatum.“ Und vielleicht ist genau das das Geheimnis des Agora Clubs. Nicht das Alter zählt, nicht die Funktion, sondern die Bereitschaft, gemeinsam etwas Gutes zu tun.