„Ich bin ein Mensch und keine wortlose Maschine. Ich möchte dieser bleiben, sofern es im Einklang mit Gottes Wille geschieht. […] Ich frage mich, ob ich ihm [Vater] vertrauen kann, was ja seine Rolle als Vater abverlangt, wenn ich dauernd auf Ungerechtigkeiten seinerseits oder meinerseits zurückblicken muss, die sicher vermeidbar gewesen wären. Ist die Erziehung der Kinder so zu handhaben, dass man sich immer mehr entfernt, statt sich zu nähern und den anderen liebevoll auf seine Fehler hinweist? Oder kritisiert man einfach drauf los, wenn auch unpassend?“
Während sich viele Jugendliche heutzutage Sorgen über ihr Styling, den letzten Snap oder das perfekte Selfie machen, waren die hier abgebildeten Sätze das literarische Spiegelbild einer 13-Jährigen aufgewachsen in den 80er/90er-Jahren. Fein notiert in ihren Tagebüchern.
Was muss in einem Teenager vor sich gehen, der sich mit solchen Fragen, die sich wahrscheinlich viele Erwachsene noch nicht gestellt haben, auseinandersetzt? Welche Beziehung hat eine Jugendliche zum Glauben, dass sie ihre eigene Persönlichkeit gottesfürchtig in die Hände einer religiösen Allmacht gibt?
Wir haben die Jugendliche von damals getroffen. Heute steht uns eine erwachsene Frau gegenüber, die nicht mehr länger schweigen will. Viola (Anm. Name von der Redaktion geändert) übergibt uns ihre Tagebücher, die sie über Jahrzehnte hinweg befüllt hat. Indem sie diese Schriftstücke, die ihr Innerstes preisgeben, weggibt, erfährt sie so etwas wie eine endgültige Befreiung von einer Last, die sie seit ihrer Geburt mit sich getragen hat. Sie wurde in eine Familie hineingeboren, die den Glauben der Zeugen Jehovas mit fester Ansicht vertritt. Viola hat erlebt, was es bedeutet, ein junges Mädchen in der Glaubensgemeinschaft zu sein, welchen Stellenwert Ehe und Mutterschaft haben, und was es bedeutet, mit der Gemeinschaft zu brechen. Mit Blick auf das Weltbild der Zeugen Jehovas sagt sie heute: „Sie sprechen davon, Ungläubige im „Krieg von Harmagedon“ vernichtet werden. Das wird jedem Kind von Beginn an eingetrichtert. Ich habe viel dort miterlebt. Der 7. Mai 2009 war daher einer der schlimmsten Tage meines Lebens: Die Zeugen Jehovas wurden in Österreich als staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft zugelassen.“
Violas Weg – von heimlichen Schwärmereien im Jugendalter bis hin zur Suche nach Liebe, Anerkennung und Selbstbestimmung als Erwachsene unter dem Einfluss der Zeugen Jehovas – ist fein säuberlich in ihren 70 (!) Tagebüchern aufgezeichnet. Nach Jahrzehnten, in denen sie still sein musste und keine eigene Meinung haben durfte, möchten wir ihr nun in dieser wöchentlich erscheinenden Kolumne den nötigen Platz geben, um sich auszudrücken – in ihren eigenen Worten und Gedanken, die sie authentisch und unverfälscht in ihren Tagebüchern niedergeschrieben hat.