16.9.1987: In meiner Klasse ist auch eine Zeugin aus der Steiermark. Sie ist normal. Der durchschnittliche Teenager.
„Normal“ – das ist für Viola jemand aus der Gemeinschaft, der trotzdem wirkt wie alle anderen. Es ist ein kleines Wort mit großer Bedeutung. Denn außerhalb der Gemeinschaft gibt es für Viola keine Klassenkameradinnen, keine Schulfreundinnen, keine andere Welt. Wer nicht Zeuge Jehovas ist, taucht in ihrem Tagebuch schlicht nicht auf. Die Gemeinschaft ist nicht ein Teil ihres Lebens – sie ist sein gesamter Rahmen. Freizeit, Freundschaften, Feste, Reisen: alles findet innerhalb derselben Grenzen statt, mit denselben Gesichtern, nach denselben Regeln.
Und innerhalb dieses Rahmens ist Paul trotz der letzten Enttäuschungen allgegenwärtig.
7.10.1987: Im Moment bin ich sozusagen in einer Krise. Es ist wirklich ernst. Einerseits gibt er so Eindeutiges von sich, andererseits wieder NICHTS. Was hat er vor? Was will er von mir? Wie denkt er über mich?
Viola schreibt ihm einen Brief, den sie nie abschickt. Den sie stattdessen in ihr Tagebuch einklebt – als wäre das Papier der einzige sichere Ort für Worte, die nirgendwo sonst hin dürfen. Zweieinhalb Jahre: Kongresse, Versammlungen, Gemeinschaftsabende, zufällige Begegnungen im Königreichssaal. Immer dieselbe Bühne, immer dieselben Regeln. Immer dieselbe unausgesprochene Frage.
10.10.1987: Es sind Jahre von Hoch und Tief. Jahre von Liebe und Trauer. Und immer drehen sie sich um dieselbe Person: Paul.
In einer Gemeinschaft, die lockere Liebesbeziehungen unter Jugendlichen nicht vorsieht, die jeden Blick bewertet und jedes Gespräch unter Beobachtung stellt, hat Viola keine Möglichkeit, ihre Gefühle zu leben. Was bleibt, sind Briefe, die niemand liest. Und ein Tagebuch, das alles trägt.
Kurz darauf schreibt sie einen zweiten Brief, dessen Adressat wiederum ihr Tagebuch ist. Aber er ist anders. Schwerer. Hilfesuchend.
In der nächsten Folge: Viola schreibt den vielleicht ehrlichsten Text ihres Lebens. Er ist an niemanden adressiert. Und er geht unter die Haut.