Viola ist Mitte der 80er Jahre nun ein Teenager. Die Schule nervt – das kennt jeder. Die Ferien sind immer zu kurz. Und irgendwo, zwischen Königreichssaal-Putzdienst und Bezirkskongress der Zeugen Jehovas, passiert etwas, das sich kein Glaube der Welt verbieten lässt: Das Herz macht, was es will.
Sein Name ist Paul.
11.9.1985: Leider sind die schönen Ferien zu Ende und die scheußliche Schule beginnt wieder. Die Schule ist doof, daran ist nichts zu ändern!
o.D. 1985: Wir hatten Bezirkskongreß. Ich war beim Saftstand, es war sehr lustig. Der Kongreß war sehr auferbauend. Dem Hauptvortrag wohnten 550 Personen bei. 461 wurden eingeladen, Stefan ließ sich taufen.
10.05.1985: Am vormittag fuhren wir, um beim Isolieren des Königreichsaal-Neubaus zu helfen. Auch Paul war da. Zuerst reinigte ich den Boden von den Abfällen. Schließlich war ich arbeitslos. Doch nicht lange, ich hatte die Ehre, den Tisch zu decken. […] Als Paul schließlich um einen freiwilligen Hilfstrupp ansuchte, meldete ich mich (zu seiner Freude).
18.05.1985: Einige Jugendliche aus der Versammlung hatten eine Radtour geplant. Doch Paul fuhr nicht mit, stattdessen ging er in den Wald, um für den Versammlungsaufbau zu schlägern.
01.03.1986: Ich war heute irgendwie ziemlich traurig. Ich kam drauf, daß ich seit ca. Oktober jeden Tag mindestens 1x an Paul dachte. Ich finde ihn einfach super. […] Ich könnte mir durchaus vorstellen, mit ihm verheiratet zu sein. Es klingt so blöd, daß ich diesen Gedanken gleich verdrängen muß, aber es fällt mir schwer, so etwas zu vergessen, besonders wenn man nur darauf aus ist, gut auszusehen (wie es ihm gefällt) und dafür sein gesamtes Taschengeld opfert, wenn sein Besuch bevorsteht. Jedenfalls komme ich mir im Moment noch vor wie ein häßliches Entlein, das niemanden auffällt. So etwas kann man nicht erzwingen.
29.03.1986: Der Kreiskongreß fand heute im Kongreßhaus statt. Ich saß mit meinen Geschwistern und Mutti und Vati unten. Paul saß oben. Ich war sehr eifersüchtig, denn er saß neben einer hübschen, jungen Dame. Später erfuhr ich, daß dies nicht seine Freundin, sondern – wie manche sagten – eine Interessierte war.
Eine Begegnung mit Folgen.
Viola ist verliebt – so, wie Teenager eben verliebt sind. Unbeholfen, aufgewühlt, heimlich. Sie opfert ihr Taschengeld, nur damit sie gut aussieht, wenn er auftaucht. Sie verdrängt Gedanken, die ihr „zu blöd“ vorkommen – und kann es trotzdem nicht.
Was sie noch nicht weiß: Diese erste, zarte Verliebtheit wird sich in den kommenden Monaten zu etwas entwickeln, das weit mehr ist als ein Schwarm. Und das Leben in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas – Kongresse, Versammlungen, der ganz normale Rhythmus des Glaubens – läuft derweil ungerührt weiter. Als wäre nichts.
In der nächsten Folge: Violas Gefühle fahren Achterbahn.