Sie wird ein Jahr älter. Es ist ein Tag wie jeder andere.
Bei den Zeugen Jehovas werden Geburtstage nicht gefeiert, sie gelten als unbiblischer Brauch, als Tradition der „falschen Welt” draußen. Kein Kuchen, keine Kerzen, keine Wünsche. Violas Eintrag zu ihrem Geburtstag ist entsprechend knapp: ein Jahr älter, sonst war nichts los. Langweilig.
Dass ein Mädchen ihren eigenen Geburtstag als langweilig abhakt – ohne Bedauern, ohne Trotz, ohne auch nur einen Hauch von Wehmut – sagt mehr über die Tiefe dieser Prägung als jede Erklärung. Es ist nicht Resignation. Es ist Normalität.
Das Leben geht weiter, in seinen gewohnten Bahnen. Schifahren mit anderen jungen Zeugen, Versammlungen, Gemeinschaftsabende. Walter ist dabei – mal mehr, mal weniger greifbar. Er ist ein Freund ihres Bruders Martin, übernachtet gelegentlich bei diesem, taucht auf und verschwindet wieder. In Violas Gedanken ist er ständig präsent. Sie sieht sich bereits als seine „Gattin” oder „Geliebte” – zwei Worte, zwischen denen in ihrer Welt ein gewaltiger Unterschied liegt. Das eine ist erlaubt, erwünscht, gottgefällig. Das andere existiert offiziell nicht.
Und dann, Ende März, ein Brief an einen Gleichaltrigen aus der Gemeinschaft. Ein Satz darin fällt auf:
30.3.1988: Heute abend sehe ich mir zum 2. Mal einen Dia-Vortrag über Uganda (Afrika) von unserem Kreisaufseher an. Mir gefällt dieses Land sehr gut, und ich bin schon auf der Suche nach einer Möglichkeit, irgendwann – spätestens in der neuen Ordnung – dorthin zu kommen.
„Spätestens in der neuen Ordnung.” Für Außenstehende klingt das wie eine Redewendung. Für Zeugen Jehovas ist es ein zentrales Glaubensversprechen: Nach Armageddon, dem bevorstehenden Weltgericht Jehovas, wird Gott die Erde in ein Paradies verwandeln. Die Bösen werden vernichtet, die Treuen werden überleben und auf einer erneuerten, gerechten Erde ewig leben. Kein Leid, keine Ungerechtigkeit, keine Grenzen. Uganda wäre dann erreichbar. Alles wäre erreichbar.
Viola plant ihr Leben in zwei Zeitebenen: dem Jetzt, das man erträgt und gestaltet und der neuen Ordnung, in der alles möglich wird. Es ist ein Denksystem, das Geduld erzwingt und Kritik erstickt. Wer auf das Paradies wartet, hinterfragt die Gegenwart nicht zu laut.
In der nächsten Folge: Violas Pflichten in der Gemeinschaft nehmen zu. Und Walter rückt näher, aber die Gemeinschaft behält die Augen offen.