Das neue Jahr bringt keinen Neustart. Es bringt Schulstress, hohe Erwartungen – und Viola, die wie immer allen gerecht werden will.
16.1.1988: Die Meldung, die mein Professor heut schob, war wohl die ärgste seit Christi Geburt: „Du verdienst keinen Zweier. Schlechte Mitarbeit. Bekommst einen Dreier. Ach die Viola hat eine dicke Haut.“ Der Mensch ist total verrückt und schwachsinnig. Die meiste Zeit kommt er meiner Meinung nach betrunken in die Schule. Elendiger Gammler. Trinker. Alter Motzsack. Spinner.
Die Wut ist echt – und sie ist berechtigt. Aber dahinter steckt etwas, das Violas Tagebuch wie ein roter Faden durchzieht: Sie will gut sein. In der Schule, in der Gemeinschaft, zu Hause. Perfekt, wenn möglich. Ein Dreier ist keine schlechte Note – für Viola ist er eine Niederlage. Die dicke Haut, die ihr der Professor unterstellt, hat sie sich mühsam antrainiert. Weil sie keine andere Wahl hatte.
Für Sentimentalität bleibt ohnehin wenig Zeit. Das Leben läuft weiter – in den gewohnten Bahnen, mit den gewohnten Gesichtern.
23.1.1988: Ich kam schon früher in die Versammlung, damit ich Walter eine Fotoausrüstung geben konnte. Ich redete kurz mit Walter über Unwichtiges. Mutti veranstaltete eine Tupper-Party. Gäste: Schwester Kofler, Schwester Huber, Oma, Schwester Maier, Schwester Oberhauser und Schwester Grazer als Tupper-Beraterin.
Eine Tupper-Party. Sechs Frauen, alle aus der Gemeinschaft. Kein einziger Kontakt nach außen – nicht zufällig, nicht beiläufig, nicht einmal am Rande erwähnt. Was für andere Familien selbstverständlich wäre – eine Nachbarin, eine Arbeitskollegin, eine alte Schulfreundin – existiert in Violas Zuhause schlicht nicht. Die Gemeinschaft ist die Gesellschaft. Sie ersetzt alles.
Und Walter? Walter ist kurz da. Für Unwichtiges. Aber er ist da.
31.1.1988: Am Vormittag war Martin mit Walter im Predigtdienst. Eigentlich sollte Martin mich von der Schule abholen, aber daraus wurde nichts. Der Rest des Tages bestand aus einem Vakuum. Ich weiß nur, daß ich irgendwie traurig war, als Walter nicht mehr da war. Ich hätte ihn gerne gesehen.
Ein Vakuum. Viola kennt dieses Gefühl – den leeren Nachmittag, an dem man wartet, ohne genau zu wissen, worauf.
In der nächsten Folge: Walter und Viola kommen sich näher. Aber die Gemeinschaft schaut zu.