Der Urlaub ist vorbei. Und der 15. August 1987 wird, so schreibt Viola, ein bedeutender Tag ihres Lebens.
Es beginnt unspektakulär mit einem Abendessen und der Wahl eines zufälligen Sitzplatzes. Und plötzlich sitzt sie neben Paul.
15.8.1987: Komischerweise begann er wieder mit dem Thema: „Was ich alles über dich weiß.“ Ich hatte das für abgeschlossen gehalten. Aber da habe ich mich wohl geirrt. Was dann kam, verwirrte mich total: Er fragte mich, ob ich mit Markus und ihm auf Urlaub fahren würde. WIE DENN? Von mir aus wäre ich natürlich sofort live dabei.
Paul fragt Viola nach einem gemeinsamen Urlaub. Er muss es beinahe als Scherz meinen, da bei den Zeugen Jehovas jede Zweisamkeit zwischen unverheirateten jungen Menschen als potenzielle Einladung zur „sexuellen Unmoral“ gilt – einem der schwersten Vergehen, das mit dem Ausschluss aus der Gemeinschaft geahndet werden kann. Allein mit einem jungen Mann, ohne Aufsicht: Das würde nicht nur Viola betreffen. Es würde ihre gesamte Familie in Verruf bringen. So verlockend der Gedanke auch wäre, so unmöglich ist es auch, diesen fertig zu denken.
In den Tagen danach analysiert Viola jeden Satz des Abends. Jede Geste, jede Pause. Sie kommt zu einem Schluss: Paul kann sie gut leiden. Er muss Gefühle für sie haben. Sie würde sich so gerne einmal allein mit ihm unterhalten – „sehr gern sogar“. Aber selbst dieser Wunsch ist in ihrer Welt ein heikler. Ein Gespräch unter vier Augen ohne jegliche Zeugen, in der Gemeinschaft gibt es das nicht.
Die Ernüchterung kommt prompt. Viola erfährt, dass Paul abfällig über ihren Bruder Martin gesprochen hat. Es macht sie zutiefst betroffen, sodass sie kaum schlafen kann, Viola weint, ist unruhig. Ihre Mutter fragt. Viola schweigt. Was sie fühlt, bleibt dort, wo es immer bleibt: im Tagebuch. Denn in einer Gemeinschaft, die über das Image ihrer Mitglieder wacht wie über ein kostbares Gut, ist Offenheit ein Risiko.
In der nächsten Folge: Neue Schule, neues Gesicht. Aber Paul lässt sich nicht einfach wegdenken.