Mein neues Leben – Wurzeln und Flügel
Beginnen wir ganz am Anfang. Beim „Urknall“ der Mutterschaft: Die Schwangerschaft. Ich habe mich unheimlich darauf gefreut, schwanger zu werden. Zu spüren, wie in meinem Bauch ein kleines Menschlein heranwächst, 50 Prozent ich, 50 Prozent mein Mann, ein Wunder der Natur. Wenn sich dein Kind das erste Mal in deinem Bauch bewegt, wenn du spürst, wie es tritt oder sich eine unnatürliche Erhebung aus deinem Bauch emporstreckt, die nur ein Babyfüßchen sein kann, ist das das Größte. Und wie man aus diesen ersten Zeilen schon herauslesen kann – es verändert sich alles. Nicht nur dein Körper, dein gesamtes Leben wird auf den Kopf gestellt. Du achtest anders auf dich, gehst anders mit dir um, isst anders, liegst anders, brauchst Umstandskleidung, rennst vom Ernährungs- zum Geburtsvorbereitungskurs und weiter zum Schwangerenyoga – einfach überall hin, nur mit dem einen Ziel, dass es deinem Baby gut geht. Und kaum hat man sich mit der Schwangerschaft arrangiert, denkt, man hat wieder alles halbwegs im Griff, zack … der Tag der Geburt. Wieder alles anders. Wieder dreht sich alles um 180 Grad.
Als ich mit meinem Sohn die ersten Tage nach der Geburt im Krankenhaus lag, habe ich funktioniert – bestenfalls. Von den Hebammen bekam man klar gesagt: Das Baby braucht einen Rhythmus: Alle drei Stunden füttern, wickeln, schlafen. Füttern heißt in diesem Fall Stillen. Etwas, das das Natürlichste auf der Welt ist und das Gesündeste für das Baby. Doch was, wenn es nicht wie geplant funktioniert? Habe ich dann als Mutter versagt? Um euch nicht zu lange auf die Folter zu spannen, erst einmal ein ganz klares Nein meinerseits dazu. Gibt es Alternativen zur Muttermilch? Ja. Da das Thema aber an dieser Stelle den Rahmen sprengen würde, haben wir uns erlaubt, dies in einem anderen Kapitel näher zu erläutern. Denn glaubt mir, da können wir euch Geschichten erzählen …
Nun denn, ich liege mit meinem wunderschönen neuen Menschlein, meinem Sohn, im Krankenhausbett und starre ihn an, unentwegt, ständig, pausenlos. Denn die Leistung, die mein Körper in den letzten vierundzwanzig Stunden vollbracht hat, ist noch nicht in meinem Kopf angekommen. Wo kommt das Baby her? Ist es wirklich das Baby, das ich neun Monate unter meinem Herzen getragen habe? Ich weiß, das klingt völlig bescheuert, aber so war es. Bis mein Gehirn die Information verarbeitet hatte, dass ich nicht mehr schwanger bin und dieses zuckersüße Baby nun zu mir gehört, hat es eine Zeit lang gedauert. Mag sein, dass es an den Schmerzmitteln lag, an den Hormonen, mit denen ich vollgepumpt war, oder der Tatsache, dass mein Sohn schlussendlich per Kaiserschnitt geholt werden musste. Ich weiß es nicht, aber er war da, und ich liebte ihn abgöttisch. Da geht es mir wohl wie allen Müttern, wenn ich an meine Kinder denke. Es breitet sich auf meinem Gesicht ein seliges Lächeln von einem Ohr zum anderen aus und in meiner Brust macht sich ein Gefühl von Frieden und Stolz breit, von unendlicher Liebe bis zum Mond und zurück, wie meine Jungs jetzt sagen würden.
Liebe auf den ersten Blick – und die Angst gleich mit
Damit haben sich mit dem Tag der Geburt nicht nur mein Alltag und mein Leben komplett verändert, sondern auch meine Gefühlswelt wurde um zwei Aspekte erweitert: die bedingungslose Liebe zu meinem Sohn und die grenzenlose Angst um ihn. Zwei Gefühle, die sich gegenseitig wohl brauchen und perfekt ergänzen. Manchmal aber zu meinem Leidwesen, denn ständig, um jemanden Angst haben zu müssen, war ungewohnt und ich musste erst lernen damit zurecht zu kommen und das Gefühl für mich einzuordnen. Eines kann ich euch gleich vorwegnehmen, die Angst lässt mit den Jahren nicht nach, sie verändert sich nur. Was zuerst Kinderkrankheiten sind oder die Befürchtung, etwas im Umgang mit dem Sprössling falsch zu machen, entwickelt sich später dazu, dein Kind vor dem Leben beschützen zu wollen. Vor einfach allem, was ihm schaden könnte.
Zusätzlich zu diesen beiden neuen Gefühlen kam gerade in den ersten Wochen nach der Geburt noch einmal ein entscheidender Faktor hinzu, der meinen Alltag, den Umgang mit mir selbst, meinem Kind und meinem Umfeld maßgeblich beeinflusst und meist nicht leichter gemacht hat: Die Hormone. Wisst ihr eigentlich, was Hormone alles mit euch anstellen können? Insbesondere nach einer Geburt ist die Liste ellenlang. Von Stimmungsschwankungen, über Müdigkeit, Schweißausbrüchen, Haarausfall bis hin zum BabyBlues, Appetitlosigkeit oder Heißhunger und Wutanfällen kann alles dabei sein. Klingt lustig nicht wahr? Klar, manches männliche Exemplar wird jetzt die Augen verdrehen und sagen „Kenn ich alles schon von meiner Frau.“ Aber wisst ihr, dass so ein Zustand gar nicht komisch ist. Also für mich war es sogar ziemlich überfordernd. Die Hormone, das Baby, die neue Situation für mich und meinen Mann. Viel Umstellung auf einmal, die klarerweise auch die eine oder andere Meinungsverschiedenheit nach sich gezogen hat. Damit wurde der neue Alltag zur Belastungsprobe für die Beziehung. Selbst wenn man sich vorher als Paar super verstanden hat und in allem einig war, kann sich dies mit dem neuen Familienmitglied schlagartig ändern. Die Auswahl des Kindersitzes, das Zubereiten der Babynahrung, wann gehe ich mit meinem Kind nach draußen, wie ziehe ich es an, wann darf es das erste Mal bei Oma und Opa übernachten usw. Scheinbar einfache Fragen, die zum Zündstoff für Beziehungsstreitigkeiten werden können. Wichtig: auch wenn es wie das größte und wichtigste Problem auf der Welt wirkt, im Prinzip ist es „nur“ eine kleine Entscheidung und das Ergebnis läuft auf das gleiche raus: Ihr wollt beide das Beste für euer Kind. Einen gemeinsamen Konsens zu finden oder einfach beide Meinungen auszuprobieren, ist in diesem Fall deshalb ein Rat, der nicht nur euch, sondern auch eurer Beziehung guttun kann. Denn wie ihr miteinander umgeht, wie ihr euch in gewissen Situationen einigt und welche Entscheidungen ihr für euer Kind trefft, das bestimmt mit welchen Wurzeln euer Kind im Leben, in der Welt verankert wird und auf welchem Fundament es aufbauen und groß werden kann.
Wurzeln schenken, Flügel wachsen lassen
Kreativ-informatives Service Statement (KISS):
Wenn du dir bei einer Sache unsicher bist oder Schwierigkeiten hast, dann hol dir Rat, egal woher. Ob von deiner Hebamme, anderen Fachpersonen, aus Büchern, von Freundinnen, deiner Mutter oder anderen Menschen, denen du dich anvertrauen kannst. Frag sie um ihre Meinung. Doch ganz wichtig: Die schlussendliche Entscheidung triffst du für dein Baby und dich, also vergiss nicht auf dein Bauchgefühl, denn das liegt sehr oft richtig.
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