11. Juli 2026

News Oberkärnten

Violas Wahrheit über die Wahrheit #4

Im Namen des Glaubens, Teil #4

Paul ist kein Fremder. Er ist ein Freund ihres Bruders, Teil der Zeugen Jehovas.
Paul ist kein Fremder. Er ist ein Freund ihres Bruders Martin – älter, Teil der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas, vertraut und ständig in Violas Nähe. Viola ist im Teenageralter, als sie beginnt, ihn mit anderen Augen zu sehen.

14.4.1986: Am Nachmittag kam Paul und sah mit Martin Fotos an. Ich dachte mir, daß die sicher Tee mögen würden. Also richtete ich Tee und Kekse her. Ihm schmeckte beides sehr gut. Er fragte dann, wer den Tee gemacht hätte. Als ich antwortete, meinte er, daß er wirklich sehr gut sei (Herz).

o.D. 1986: Morgens kann ich nicht essen, weil ich an dich denken muß. Mittags kann ich nicht essen, weil ich an dich denken muß. Abends kann ich nicht essen, weil ich an dich denken muß. Nachts kann ich nicht schlafen, weil ich Hunger habe.

18.6.1986: Nach der Schule fuhr ich mit Mutti zum Bau des neuen Königreichssaales. Ich war das erste Mal dort. Bei den ersten Leuten, die ich sah, war er: Paul. Ich weiß nicht, ob er mich gleich gesehen hat. Ich ihn jedenfalls schon. Er schuftet gerade mit Martin im Erdgeschoss. Frauen war dort der Zutritt verboten. Mila, Angelika und Michaela waren schon dort. Es arbeiteten schon sehr viele Brüder. Wir waren fast dauernd damit beschäftigt, Wasser zu holen, Säfte und Mineralwasser auszuteilen und Geschirr abzuwaschen.

19.6.1986: Am Nachmittag bearbeitete ich meine Ansprache. Am Abend machte ich mir gerade Toast, als ich im Vorraum eine bekannte Stimme hörte. Sie gehörte Paul. Was er dann sagte, ist sehr wichtig: “Kochen kann deine Schwester auch. Wird einmal eine gute Frau werden!” Genauer kann man es gar nicht sagen. Mein Herz schmolz, obwohl ich ihn noch nicht einmal gesehen hatte.

Während andere Teenager ihr Wochenende frei gestalten, hilft Viola beim Bau des Königreichssaales der Zeugen Jehovas – Böden reinigen, Tische decken, Wasser holen. Der Zutritt zum Erdgeschoss, wo die Männer die eigentliche Arbeit verrichten, bleibt den Frauen verwehrt. Dienend, im Hintergrund, unsichtbar – so lautet die Rolle, die ihr die Gemeinschaft zugedacht hat. Und Viola? Sie hat dieses Bild längst verinnerlicht. Als Paul beiläufig lobt, dass sie gut kochen kann, schmilzt ihr Herz.

Viola ist zwölf.


In der nächsten Folge: Viola kämpft mit sich – und mit einer Frage, auf die sie keine Antwort wagt.

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